Träger sieht Gefahr für individuelle Hilfen und Wohngruppenangebote
Rengshausen/Schwalm – „Die geplanten Kürzungen der Bundesregierung in der Kinder- und Jugendhilfe werden einen großen Einschnitt in die individuelle Förderung von benachteiligten Kindern und Jugendlichen bringen“, sagt Björn Keding aus Schwalmstadt, Vorstand der Stiftung Beiserhaus. Er befürchtet erhebliche Verschlechterungen durch die geplanten strukturellen Veränderungen. Sollte die Reform wie vorgesehen im Jahr 2028 umgesetzt werden, wäre das Beiserhaus insbesondere im stationären Bereich stark betroffen.
Derzeit leben 165 Kinder und Jugendliche in den Wohngruppen der Einrichtung. Dazu gehören sechs reguläre Gruppen, in denen benachteiligte Kinder betreut werden, die aus ihren Familien genommen werden mussten. Hinzu kommen sechs therapeutische Wohngruppen sowie eine Gruppe für unbegleitete minderjährige Ausländer. Die Standorte des Beiserhauses verteilen sich auf sechs Landkreise.
Nach den bisherigen Planungen könnten zahlreiche dieser Plätze gefährdet sein, warnt Keding. Die Kürzungsvorschläge griffen aus seiner Sicht in zentrale Bereiche der Rechte von Menschen mit Behinderungen, Kindern und Familien ein. „Ich befürchte, dass die individuell abgestimmten Förderungen für Betroffene stark eingeschränkt werden“, sagt Keding. Dies widerspreche den pädagogischen Entwicklungen der vergangenen Jahre.
Während die Zahl verhaltensauffälliger Kinder und Jugendlicher mit psychischen Belastungen kontinuierlich steige, solle künftig eine stärker pauschalisierte Hilfe greifen. Das sei aus seiner Sicht nicht nachvollziehbar. Bereits jetzt seien erste Auswirkungen spürbar. So sei eine von ursprünglich zwei Gruppen für unbegleitete Minderjährige in Bebra bereits geschlossen worden.
Keding hält diese Entwicklung für eine Fehlentscheidung. Gerade in den Regelwohngruppen hätten junge Menschen frühzeitige Chancen, sich positiv zu entwickeln, eine Ausbildung zu absolvieren und als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft Fuß zu fassen. Zweifel äußert er daran, ob betroffene Kinder andernorts ausreichend aufgefangen werden könnten.
Vielmehr bestehe die Gefahr, dass sich Probleme verfestigten, wenn Kinder länger als nötig in belastenden familiären Strukturen verblieben. Der Hilfebedarf könne dadurch steigen – mit negativen Folgen für die Betroffenen selbst und höheren gesellschaftlichen Kosten.
Auch wirtschaftlich hätte die Entwicklung Folgen für das Beiserhaus. Je mehr Gruppen geschlossen würden, desto geringer fielen die Einnahmen aus, sagt Keding. Umstrukturierungen seien dann unausweichlich. Hinter den Plänen der Bundesregierung stehe aus seiner Sicht die Absicht, Hilfen stärker in den öffentlichen Sozialraum zu verlagern – etwa in die Jugendpflege. Teure individuelle Hilfen sollten durch billigere kollektive Angebote ersetzt werden. Das sei ein Angriff auf Errungenschaften, für die man jahrelang gekämpft habe.
Individuelle Rechtsansprüche, das Wunsch- und Wahlrecht bei der Hilfeauswahl, der Anspruch auf bedarfsgerechte Schulbegleitung sowie die Nachbetreuung junger Erwachsener aus der Jugendhilfe stünden auf dem Spiel. Zum Angebot des Beiserhauses zählten neben stationären Wohngruppen auch aufsuchende Betreuung und unbegleitetes Wohnen. „Die geplanten Kürzungen gehen auf Kosten derer, die ohnehin schon keine Lobby haben.“
300 Kinder und Jugendliche werden betreut
300 junge Menschen werden jährlich in der Stiftung Beiserhaus in sechs Landkreisen versorgt. Neben den teilstationären und stationären Wohngruppen wird eine Reihe an ambulanter Hilfe geboten. Familienhilfe und Tagesgruppen gehören zu den Angeboten. Weitere Bausteine machen die schulische und die berufliche Bildung aus und die Werkstätten am Hauptstandort in Rengshausen. Auch die Ganztagsbetreuung an zwei Schulen ist Teil des Angebots.
Artikel und Foto HNA (Christine Thiery) 29.Mai 2026